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Wissenschaft Migration Ungleichheit

Ungleichheit: Bis zu 66 Prozent weniger Vermögen nach Migration

Wie viel Vermögen Menschen in Deutschland aufbauen, hängt statistisch auch von der Herkunft ab. Eine neue Studie gibt Hinweise auf mögliche Ursachen.

5 Minuten Lesedauer
Ehrenamtliche helfen bei der Frankfurter Tafel. IMAGO / epd

Vermögen sind in Deutschland besonders ungleich verteilt. Die vermögendsten 10 Prozent besitzen etwa 60 Prozent des Gesamtvermögens, allein ein Drittel ist in der Hand des reichsten Prozents. Ab geschätzt 1,3 Millionen Euro Nettovermögen ist man hier dabei. Davon können die meisten nur träumen: Die untere Hälfte besitzt praktisch gar kein Vermögen. Manche gesellschaftlichen Gruppen sind besonders stark benachteiligt: Frauen zum Beispiel besitzen im Schnitt deutlich weniger Vermögen als Männer und sind seltener hochvermögend.

In einer neuen Studie haben wir uns die Vermögenssituation einer anderen gesellschaftlichen Gruppe genauer angesehen: Haushalte mit Migrationsgeschichte. Im Durchschnitt besitzt diese Gruppe – insgesamt 25 Millionen Menschen – ebenfalls weniger Vermögen, wobei sich dahinter eine große Spannbreite verbirgt.  Denn die insgesamt rund 30 Prozent der Bevölkerung in Deutschland, die in erster oder zweiter Generation eingewandert sind, bilden keine homogene Gruppe. In der öffentlichen Wahrnehmung wird die Einwanderungsgeschichte Deutschlands häufig mit den Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter der 1950er und 1960er Jahre verknüpft, die zum Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg beigetragen haben. Und tatsächlich ist die Türkei das häufigste Herkunftsland von Menschen mit Migrationsgeschichte in Deutschland. Doch auch Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler aus Ländern wie Kasachstan oder jüngst Geflüchtete aus Syrien und der Ukraine prägen das Bild. Weniger beachtet wird jedoch, dass die zweitgrößte Migrationsgruppe aus den EU-27-Staaten kommt. Offenbar fallen die Nachbarin aus Holland oder die französische Kollegin weniger auf.

Wie viel Wohlstand das Herkunftsland hat, macht einen Unterschied

Wenn man die Vermögenslage nach Herkunftsland betrachtet, zeigt sich ein deutliches Bild: Haushalte aus weniger wohlhabenden Herkunftsländern haben besonders wenig Vermögen in Deutschland. Sie besitzen im Durchschnitt nur 33 Prozent  (erste Generation) beziehungsweise 51 Prozent (zweite Generation) des Nettovermögens von Haushalten ohne Migrationsgeschichte. Es leuchtet ein, dass Menschen, die selbst aus ärmeren Ländern nach Deutschland kommen – unter Umständen als Geflüchtete –, deutlich andere Startbedingungen haben und im Verlauf ihres Lebens in Deutschland ein geringeres Vermögen aufbauen können. Wenn die zweite Generation, die von Geburt oder sehr jungem Alter an in Deutschland lebt, im Schnitt jedoch immer noch nur halb so viel Vermögen aufbaut, ist das eine eklatante Lücke. Haushalte aus Herkunftsländern, deren wirtschaftliche Situation etwa mit der in Deutschland vergleichbar ist, erreichen hingegen 80 Prozent des Nettovermögens von Haushalten ohne Migrationsgeschichte.

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Rudolf Faininger

Rudolf Faininger ist Doktorand am Lehrstuhl für Makroökonomie der Technischen Universität Chemnitz. In seiner Dissertation untersucht er die Auswirkungen der Geldpolitik auf Formen der Ungleichheit.

Svenja Flechtner

Svenja Flechtner ist Juniorprofessorin für Plurale Ökonomik an der Universität Siegen. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören die Einkommens- und Vermögensverteilung und deren Auswirkungen.